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Rechtlos, rückständig, unterdrückt - Wie totale Ahnungslosigkeit unser Bild der islamischen Frau prägt


Die Stellung der Frau im Islam? Rückständig. Die Emanzipation im Westen? Ideal fortschrittlich. Beschäftigen wir uns doch mit der Arroganz der westlichen Welt und wie Unwissen allgemeine Verzerrungen schürt.

 

Wenn man so manchen Medien Glauben schenken mag, ist die islamische Frau allem Anschein nach, nichts weiter als eine rechtlose Hausfrau, die sich mit Hilfe eines Kopftuchs unterdrücken lässt. Nun sitze ich aber hier, in einem kleinen Café im Herzen Wiens, mir gegenüber die 28-jährige Muslima Minela. Das zuvor beschriebene Bild könnte kaum weniger zutreffen. Es handelt sich vielmehr um eine junge motivierte Frau, die ihren Karrierezielen nachgeht, ihr Kopftuch mit Stolz trägt und sich nicht vorschreiben lässt, wie sie ihre Religion zu leben hat. „Religion bedeutet mir sehr viel, Gott ist wichtig in meinem Leben. Doch mein Glauben ist eine Sache zwischen mir und Gott, deshalb kann mich niemand zu etwas zwingen oder mir vorschreiben etwas zu tun.“, erklärt sie mir. Ohne von ihrem Glauben abzuweichen, arbeitet die gebürtige Bosnierin als Doktorandin an einer Universität. Doch sie betet auch regelmäßig und hält sich an die Gebote ihrer Religion, soweit es ihr möglich ist. Für sie ist es definitiv realisierbar Karriere und Religion zu vereinbaren.

 

Früher musste sie sich zwischen zwei Wegen entscheiden, entweder sie besuche ein mathematisch-informatisches Gymnasium, oder eben ein islamisches. Letztendlich fiel ihre Wahl auf das islamische Gymnasium, was ihr Wissen und Religion intensiv in Kombination offenbarte. Dort war es auch vorgeschrieben ein Kopftuch zu tragen, solange bis der Schulabschluss erreicht war. Auch danach entschied sich Minela dazu, ihr Kopftuch nicht abzulegen. Auf meine Frage ob sie Verständnis dafür habe wenn andere Muslima sich nicht verhüllen, eröffnet sie mir einen  Einblick in ihre persönlichen Erfahrungen. Ihre jüngere Schwester begann sich auch für das islamische Gymnasium zu interessieren, als sie sah wie respektvoll Minela behandelt wurde, da sie der Religion folgt und eben auch ein Kopftuch trägt. „Ich denke sie wollte auch diesen Respekt erwiesen bekommen, doch sie ist ein ganz anderer Typ als ich. Die Schule ist ein Internat und dort ist alles streng geregelt, jeder weiß zu jeder Zeit wo du bist. Das wäre nichts für sie gewesen. Ich habe ihr geraten es nicht zu tun, schlussendlich hat sie dann auch das mathematisch-informatische Gymnasium besucht.“, berichtet meine Interviewpartnerin. Vom Kopftuchtragen riet sie ihr auch ab, obwohl sie selbst eines trägt. „(...) weil man ohne Grund einfach zum Außenseiter wird. Die Gesellschaft ist noch nicht so weit, dass eine Frau mit Kopftuch einfach mal loslachen kann, vielleicht auch ganz laut. Oder zum Beispiel mit einem Jungen Kaffee trinken kann. Bei Mädchen ohne Kopftuch ist das ganz normal, doch sobald sie eines trägt ist es für viele nicht okay. Für meine Schwester wäre das nur mehr Stress gewesen, das wollte ich nicht für sie. Ich kann mein Leben damit vereinbaren, mein Kopftuch kam mir nie in die Quere.“
Letztendlich zeigt das auch, dass das Verhüllen eine persönliche Entscheidung ist, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich behandelt werden sollte. Zu manchen Charakteren passt es, manche entscheiden sich bewusst dazu. Doch es sollte sich niemand in etwas zwängen lassen, das man nicht möchte. Genau darum kommen wir nun zur Thematik religiöses Wissen.

„Es gibt vielleicht Männer, die die Religion nutzen um eine Frau zu unterdrücken. Doch diese Frauen sind dann meist nicht so gut religiös ausgebildet.“


Im Islam gibt es mehrere Meinungen zu verschiedenen Themen; zum Beispiel was die Bekleidung, beziehungsweise das Verhüllen betrifft. Eine ausgebildete Frau weiß welche Rechte sie hat und muss sich nichts vorschreiben lassen, was nicht stimmt. Natürlich gibt es dann auch Frauen die sich für eine bestimmte Meinung entscheiden und nur diese als zutreffend ansehen, aber immerhin kennen sie alle Seiten und können bewusst wählen.

Das Problem ist, dass es viel zu oft die Männer sind die über die Rechte der Frau sprechen, nicht die Frau selbst.  Frauen die bei feministischen Bewegungen mitarbeiten, werden von den streng-religiösen Muslime oft als Handlanger irgendwelcher Organisationen unter westlichem Einfluss dargestellt. Es wird ihnen vorgeworfen sie würden ihre Religion verraten und die Tradition des Islam verändern, und somit zerstören wollen. Doch es gibt schon längst einen Islam europäischer Prägung.
Bei diesem geht es nicht darum die Grundgebote, wie zum Beispiel das Beten oder Fasten, zu bestreiten. Es geht vielmehr darum veraltete Meinungen abschaffen zu wollen, die unserem modernen Zeitalter nicht mehr entsprechen. Heutzutage bestehen gewisse Menschenrechte, sowie die Würde des Menschen und niemand darf diese angreifen. Vereinzelte Muslime möchten zurück in die Zeit des Propheten, doch es muss eingesehen werden, dass dies nicht umsetzbar oder dem heutigen Zeitalter entsprechend ist. „Es wird ja nicht bestritten ob man Beten muss, sondern wie es letztendlich umgesetzt wird.“, so Minela.

 

Sie erzählt mir von der sogenannten „Haram-Jugend“, die den Menschen kontinuierlich auferlegen will, was sie falsch machen und ihnen verbieten verschiedene Dinge zu tun. „Man muss sich eben so weit bilden, dass man über die Umstände Bescheid weiß und dann dementsprechend handeln. Es sollte einem selbst offen bleiben, was man tun und wie man sich entscheiden möchte. Das macht den Islam in Europa so wichtig, wir bekommen die Chance hier etwas zu verändern. Hier kann ich frei sein und muss nicht denken ich bin weniger wert als Andere, weil ich Muslimin bin, wie es in manchen Ländern noch der Fall ist. Beispielweise Saudi-Arabien. Dort ist es Denjenigen verboten bestimmte Dinge zu tun, und gewünschte Dinge werden im Notfall durch die Scharia-Polizei erzwungen. Doch hier bin ich frei und kann entscheiden ob ich es mache oder nicht. Man kann einen Menschen nicht  einschränken, zu Allem zwingen und dann sagen er sei ein guter Moslem. Gott selbst hat uns die Freiheit gegeben. Er hätte uns einschränken können, sodass wir alles befolgen müssen, doch er gab uns die Freiheit, also wer nimmt sich das Recht uns einzugrenzen, wenn nicht einmal Gott es tat. Gott richtet über den Menschen, nicht die Menschen übereinander, und auch nur er kann Sünden verurteilen oder verzeihen.“

 

Durch das Interview mit Minela wurde mir erneut klar, wie unsere Medien das Bild der islamischen Frau negativ beeinflussen. Unser Bild ist viel zu wenig von persönlichen Begegnungen geprägt, sonst wären wir schon ein großes Stück näher am Ziel der harmonisch zusammenlebenden, multikulturellen Gesellschaft.

 

Es gibt nämlich schon viele Bewegungen, um den Islam in Europa zu integrieren. Beispielweise wurde die Organisation „Muslimische Jugend Österreich“ gegründet, um Muslime in allen Bereichen des sozialen Lebens zu integrieren. Durch Treffen und gemeinsame Unternehmungen soll den Jugendlichen Halt geboten werden, sowie Akzeptanz und Solidarität vermittelt.

Aus dieser Organisation hervorgehend gründeten sich die „Jungen Musliminnen Österreich“. Diese sind davon überzeugt, dass Frauen ihre Probleme selbst in die Hand nehmen müssen, da sie die eigenen Bedürfnisse am besten verstehen. Ins Leben gerufen wurde das Projekt Fatima, um zu vermitteln, dass Bildung den Weg zu Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Freiheit bildet. „Erziehst du einen Mann, erziehst du einen Menschen – erziehst du hingegen eine Frau, erziehst du ein ganzes Volk.“. Entsprechend dieses Zitats von Malcolm X wird bei dem Projekt gearbeitet. Jungen Frauen wird nahegelegt die eigene Persönlichkeit zu entfalten und somit sich selbst zu finden. Ein weiteres Ziel ist, das negative Bild der islamischen Frau in den Medien zu ändern. Mit Vorurteilen soll aufgeräumt, das Image in Medien und der Gesellschaft verbessert werden. Es wird dem Stereotyp der unterdrückten, rückständigen Frau ein Stoppschild vorgesetzt und das Bild einer selbstbewussten, integrierten und fortschrittlichen Frau entgegen gehalten. Eine starke Bewegung, die für Zugehörigkeit kämpft und die Emanzipation ein großes Stück weiterbringt.

 

Trotz solcher Bewegungen, stellt Europa immer noch dem Islam die westlichen Emanzipationsvorstellungen als Ideal gegenüber. Es stempelt die islamische Frau viel zu oft als rückständig ab und grenzt sie somit von der „normalen“ Gesellschaft aus. Doch ist es wirklich ideal, dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer, selbst wenn sie in derselben Position arbeiten? Oder, dass Frauen viel seltener in Führungspositionen zu finden sind? Auch die Rollenverteilung in der Familie, weist oft noch veraltete Züge auf. Frauen nehmen sich Elternzeit um sich um das Kind und den Haushalt kümmern zu können, während der Mann weiter seiner Karriere nachgeht und das Geld verdient.

Es wäre also sinnvoller sich gemeinsam zu bemühen, Gleichberechtigung zu erreichen und nicht Unterschiede zwischen den einzelnen Frauen zu schaffen, nur aufgrund unterschiedlicher Ansichten. Herkunft und Religion sagen nämlich noch lange nichts über die Persönlichkeit aus und sollten keine Mauern zwischen Personen ziehen.

Meist hängt die Unterschiedlichkeit der Menschen sowieso nicht von den religiösen Ansichten ab, sondern viel mehr von der politischen, oder sozialen, oder ethischen Einstellung.

Die westliche Welt richtet ihren Finger auf den Islam, um von den Lücken der eigenen Emanzipation abzulenken. Wieso sollte man sich auch mit den eigenen Problemen beschäftigen, wenn man andere verurteilen kann?
Sofort interessieren sich die Menschen für die Gleichberechtigung, wenn es um die Muslima geht. Somit kann man ganz einfach das Anliegen der Frau, die einem direkt gegenüber steht, außer Acht lassen. Es ist nun erst mal wichtiger die Anderen zu belehren und sich selbst zu profilieren. Man muss aber bedenken, dass im Westen zwar schon viele Schritte Richtung Gleichberechtigung gemacht wurden, doch auch noch ein langer holpriger Weg zu bestreiten ist, um das Ziel zu erreichen.

Einzusehen ist, dass wenn alle gemeinsam als multikulturelle und tolerante Gemeinschaft für die Rechte der Menschen kämpfen, unser aller Ziel schneller und harmonischer erreicht wird. Kein Ausgrenzen, kein Fingerrichten, keine Vorurteile. Viel wichtiger sind doch Toleranz, Empathie und das Entwickeln von Verständnis.    

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